Meine Lieblingsgeschichte

Gottes größtes Geheimnis

In einer alten Hindu-Schrift gibt es eine tiefgründige Geschichte, die damit beginnt, dass Gott und ein Weiser namens Narada Seite an Seite über eine endlose Wüste laufen und auf die große Leere hinaus starren. Nach einiger Zeit wendet sich Narada an Gott und fragt: „Oh, größter Herr, was ist das Geheimnis hinter den Erscheinungen dieser Welt und dem Leben, das alle Geschöpfe darin führen?“

Gott lächelt und schweigt.

Sie gehen weiter. „Kind“, sagt Gott nach einer Weile und schaut zum Horizont, „die Hitze hat mich durstig gemacht. Wenn du ein kleines Stück weiter gehst, wirst du einen Fluss finden. Folge ihm, bis du zu einer Stadt kommst, gehe dann in ein Haus und hole mir einen Becher kühlen Wassers.“

Ich will sofort gehen, Herr, und für Dich Wasser holen.” So geht Narada allein weiter. Als er etliche Minuten durch die Wildnis gelaufen ist, trifft Narada tatsächlich auf einen Fluss. In einiger Entfernung gibt es ein geschäftiges Dorf.

Er geht in das Dorf, auf der Suche nach Wasser und klopft an eine Tür, die von einem wunderschönen jungen Mädchen geöffnet wird. Ihre Augen sind strahlend und merkwürdig. Sie erinnern ihn an die Augen des Großen Herrn. Bei ihrem Anblick vergisst er sofort, dass Gott auf Wasser wartet, und vielleicht sterben würde. Er vergisst alles und fängt an, mit dem Mädchen zu sprechen. Das Mädchen bittet ihn herein, bietet ihm eine Erfrischung an.

Drinnen scheinen die Eltern des Mädchens auf die Ankunft des Weisen gewartet zu haben und es steht eine Auswahl an köstlichen Speisen bereit. Niemand fragt, warum er gekommen ist oder was er hier will. Es ist so, als sei er einfach ein alter Freund, der viele Jahre weg war und nun wieder da ist. Den ganzen Tag bleibt er bei dieser liebenswürdigen Familie im Hause, genießt ihre Gastfreundschaft und bewundert insgeheim die Schönheit der jungen Frau.

Eine Woche verstreicht, dann eine zweite. Narada beginnt, sich an den täglichen Verrichtungen auf dem Bauernhof zu beteiligen, und bald fordert die Familie ihn auf, als Dauergast zu bleiben. Froh willigt er ein, und es vergeht noch mehr Zeit.

Nach vielen idyllischen Tagen bittet er, nachdem sich eine tiefe Liebe zwischen ihm und der jungen Frau entwickelt hat, den Vater um die Hand seiner Tochter. Der Vater ist hocherfreut. Er meint, genau das hätten alle erhofft.

Narada und die junge Frau heiraten und richten sich im Haus ihrer Familie ein. Bald schenkt sie ihm einen Sohn, dann einen zweiten und schließlich eine Tochter. Narada macht im Dorf einen kleinen Laden auf, der bald floriert. Als die Eltern seiner Frau sterben, wird er zum Familienvorstand.

Dorf im Nildelta_6

Die Zeit vergeht, und die Leute aus dem Dort verlassen sich in finanziellen und persönlichen Angelegenheiten immer mehr auf Narada. Bald wird er zu einem wichtigen Mitglied des Rates. Schließlich besteht sein Leben ganz aus den natürlichen Freuden und Sorgen, die mit der Existenz in einer kleinen Stadt einhergehen. So verläuft das Leben viele Jahre lang sinnvoll und gedeihlich.

Als sein Vater stirbt, erbt Narada sein Vermögen. Er lebt, wie er dachte, ein sehr glückliches Leben mit seiner Frau und seinen Kindern, seinen Felder und dem Vieh, und so weiter. So vergehen 12 Jahre.

Da verdunkeln sich eines Morgens in der Regenzeit die Himmel, und ein ungewöhnlich starker Regensturm bricht hernieder. Bald tritt der Fluss über seine Ufer, und das Wasser steigt so hoch, dass es die Stadt zu vernichten droht. Ganze Häuser werden einfach weggespült.

Gegen Abend scheint es gewiss, dass der Sturm nicht nachlassen wird und dass es keine Möglichkeit gibt, das Dorf zu retten. Narada warnt die Einwohner, sammelt dann seine Familie um sich und führt sie in die dunkle Nacht. Er hofft, auf höher gelegenem Gelände in Sicherheit zu kommen.

Seine Frau und die beiden Söhne klammern sich an seine Taille und kämpfen gegen die tosenden Winde an. Die kleine Tochter hält er in seinen Armen fest an die Brust gedrückt.

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Aber die Winde blasen so stark, und das Wasser ist so hoch gestiegen, dass Narada stolpert, als er gegen die Regenwand ankämpft. Die wütenden Elemente reißen einen seiner Söhne mit sich fort. Er streckt den Arm nach dem Kind aus und verliert dabei den zweiten Sohn. Einen Augenblick später entreißt ihm ein mächtiger Windstoß seine kleine Tochter, und dann wird auch seine geliebte Frau in die tosende Dunkelheit fortgetragen.

Narada bricht in hilflosen Wehklagen aus und streckt die Arme gen Himmel. Aber seine Rufe gehen in einer haushohen Welle unter, die aus den Tiefen dieser grässlichen Nacht aufsteigt und ihn bewusstlos zu Boden wirft. Sein Körper wird von dem gewaltigen Wasser hin und her geworfen und kopfüber in den Fluss gerissen.

Es vergehen viele Stunden, vielleicht sogar Tage. Langsam, schmerzhaft kommt Narada wieder zu sich und muss feststellen, dass er auf eine Sandbank weit flussabwärts gespült worden ist, fast nackt und halb tot. Es ist Tag, und der Sturm hat sich verzogen. Aber es findet sich nirgendwo ein Zeichen seiner Familie noch irgendeines anderen lebendigen Geschöpfes.

Narada liegt eine Weile mit dem Gesicht auf dem harten Sand, voller Schmerz und einsam, fast verrückt vor Kummer und Verlassenheit. Der Fluss trägt Strandgut mit sich, und in der Luft liegt der Geruch des Todes. Nun ist alles von ihm genommen, nichts ist geblieben; alles, was lieb und teuer war, ist in dem wirbelnden Wasser verschwunden. Es scheint nicht viel anderes tun zu geben, als zu schluchzen.

Da hört Narada plötzlich eine sanfte Stimme. Sie lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren. “Mein Kind, wo ist das Wasser? Du gingst um einen Becher Wasser zu holen.“

Narada dreht sich um und sieht Gott neben sich stehen. Der Fluss ist verschwunden, und sie sind wieder allein inmitten einer endlosen Wüste. „Wo ist mein Wasser?“ fragt Gott wieder. „ ich warte nun schon fast ganze fünf Minuten.“

Fünf Minuten!” rief Narada. Zwölf Jahre sind durch meinen Kopf gegangen, und alle diese Szenen mussten in fünf Minuten passiert sein!

Narada wirft sich dem Herrn zu Füßen und bittet ihn um Vergebung. „Ich habe es vergessen“, ruft er immer und immer wieder. „Ich habe es vergessen“. Großer Gott, vergib mir!“

Gott lächelt und sagt: „Nun, Narada, versteht du nun das Geheimnis hinter den Erscheinungen dieser Welt?“

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